Luni - Meine Tage, mein Rhythmus

Luni ist eine Perioden-Tracking-App für Teenager, die bewusst auf alles verzichtet, was nicht zwingend notwendig ist. Keine Texte, keine Accounts, keine Cloud-Daten. Stattdessen: Symbole, Farben und eine Logik, die mitdenkt. Ein technischer Blick auf eine App, bei der Reduktion das eigentliche Feature ist.

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Luni: Wenn weniger wirklich mehr ist

Eine App für Teenager, die bewusst auf alles verzichtet, was nicht zwingend notwendig ist. Keine Texte, keine Accounts, keine Cloud. Nur Symbole, Farben und eine Logik, die funktioniert.

Das Problem: Design für Menschen, nicht für Features

Die meisten Perioden-Tracking-Apps haben eines gemeinsam: Sie setzen voraus, dass du lesen kannst. Formulare, Erklärungen, Logins, Tutorials. Für viele ist das selbstverständlich. Für manche eine unüberwindbare Hürde.

Als meine Tochter das Alter erreichte, in dem sie selbstständig mit ihrem Zyklus umgehen wollte, stand ich vor einer simplen Erkenntnis: Es gibt keine App, die sie ohne Hilfe nutzen kann. Nicht, weil das Thema zu komplex wäre, sondern weil praktisch alle Lösungen Text als primäres Interface verwenden.

Luni ist meine Antwort darauf – eine App, die konsequent auf alles verzichtet, was nicht absolut notwendig ist. Die zentrale Frage war nie: Was kann die App alles? Sondern: Was muss ich weglassen, damit sie wirklich funktioniert?

Die Vorgaben: Privacy by Design als Architektur

Bevor auch nur eine Zeile Code geschrieben wurde, standen die nicht verhandelbaren Prinzipien fest:

  • Keine Nutzerkonten
  • Keine Cloud-Synchronisation
  • Keine personenbezogenen Daten
  • Keine Werbung
  • Keine Tracking-Mechanismen

Alle Daten bleiben lokal auf dem Gerät. Das ist kein Marketingversprechen, sondern das technische Fundament. Umgesetzt mit SQLite und einer radikal einfachen Struktur: eine Tabelle, drei Felder. ID, Datum, Auto-Fill-Flag. Fertig.

Keine Metadaten über Stimmung. Keine Vorhersagen. Keine intelligenten Insights. Nur das, was die Nutzerin explizit bestätigt. Je weniger die App weiß, desto weniger kann sie missbraucht werden.

Die Zielgruppe: Teenager zwischen Selbstständigkeit und Überforderung

Die App richtet sich an Teenager zwischen 12 und 18 Jahren. Die Herausforderung liegt nicht im Alter, sondern in den Erwartungen: Teenager wollen ernst genommen werden. Sie wollen kein kindliches Interface, aber auch keine sterile Medizin-App. Sie wollen Selbstständigkeit ohne Überforderung.

Das Design bewegt sich daher bewusst auf einem schmalen Grat. Pastellfarben, Glitzer-Effekte, verspielte Formen – aber niemals infantilisierend. Zehn verschiedene Avatare zur Auswahl: visuell divers, charakterstark, aber weder stereotyp noch sexualisiert. Die kognitive Last ist minimal. Kein mehrstufiges Onboarding. Kein Vorwissen erforderlich. Nur das Wesentliche.

Der Onboarding-Screen: Ein Bildschirm genügt

Der erste Kontakt mit Luni besteht aus genau einem Screen. Ein Karussell mit zehn Avataren, visuell unterschiedlich, in verschiedenen Pastellfarben gehalten. Oben ein einfacher Chevron als Navigation. Keine Texte. Keine Erklärungen. Nur die Aufforderung, sich zu entscheiden.

Ein Tap auf einen Avatar – fertig. Die App ist einsatzbereit. Kein zweiter Schritt. Keine Bestätigungs-E-Mail. Kein Tutorial. Der Onboarding-Prozess dauert exakt drei Sekunden. Mehr braucht es nicht.

Diese Reduktion ist bewusst. Jeder zusätzliche Screen wäre eine Hürde. Jede Erklärung würde Lesekompetenz voraussetzen. Jede Verzögerung würde Frustration erzeugen.

Der Today-Screen: Ein Tap pro Tag

Der zentrale Screen der App zeigt drei Elemente: den gewählten Avatar oben. Einen großen, runden Button in der Mitte mit einem Tropfensymbol. Einen kleinen Kalender-Button unten.

Die Interaktion ist selbsterklärend: Ein Tap auf den großen Button bestätigt, dass heute ein Perioden-Tag ist. Das war's. Ein kurzer Glitzer-Burst als visuelles Feedback. Die Aktion ist gespeichert.

Technisch gesprochen passiert dabei mehr, als sichtbar ist. Die App führt eine Logik zur automatischen Lückenfüllung aus. Lücken von bis zu zwei Tagen werden automatisch ergänzt – die Annahme ist, dass die Nutzerin vergessen hat, die App zu öffnen, nicht, dass die Periode unterbrochen wurde.

Bei Lücken von fünf oder mehr Tagen startet die App einen neuen Block. Diese Schwellenwerte sind pragmatisch gewählt, nicht wissenschaftlich exakt. Es geht nicht um medizinische Präzision, sondern um sinnvolle Hilfestellung im Alltag.

Die Navigation erfolgt über zwei Icons in der unteren Tab-Bar: Ein Tropfen für den Today-Screen, ein Kalender für die Übersicht. Kein Text. Nur Symbole. Farben signalisieren den aktiven Tab.

Der Overview-Screen: Visualisierung statt Statistik

Die Übersicht zeigt die Monate als vertikale Karten. Jeder Monat trägt seinen Namen – eines der wenigen Textelemente der App – und darunter ein Grid mit allen Tagen.

Periodentage sind als zusammenhängende rosa Balken markiert. Der aktuelle Tag ist zusätzlich durch einen gelben Ring hervorgehoben. Keine Tabellen, keine Statistiken, keine Vorhersagen. Nur eine klare, visuelle Darstellung dessen, was war.

Die Darstellung ist bewusst statisch. Kein horizontales Scrollen. Keine versteckten Gesten. Kein Long-Press für Zusatzfunktionen. Alles ist vertikal angeordnet, sofort erfassbar.

Die Monatsansicht nutzt eine einfache Farbkodierung: Rosa für Periodentage, Weiß für alle anderen Tage. Der heutige Tag bekommt einen farbigen Ring. Mehr visuelle Unterscheidungen braucht es nicht.

Der Settings-Screen: Avatar wechseln, fertig

Der Settings-Screen ist die einzige Stelle, an der die App über die Kernfunktion hinausgeht. Hier kann der Avatar gewechselt werden. Das ist alles.

Zehn Avatare, in einem Grid angeordnet, scrollbar. Ein Tap wechselt die Auswahl. Keine Bestätigung nötig. Die Änderung ist sofort sichtbar. Oben links ein Zurück-Pfeil, oben in der Mitte das Wort „Einstellungen" – das einzige textbasierte UI-Element außerhalb der Monatsnamen.

Diese Seite existiert aus einem einfachen Grund: Teenager ändern ihre Vorlieben. Was heute gefällt, kann morgen zu kindisch wirken. Die Möglichkeit, den Avatar anzupassen, gibt Kontrolle, ohne die App zu überladen.

Die technische Umsetzung: Weniger ist mehr

Technisch läuft Luni auf React Native mit Expo. SQLite für die lokale Datenhaltung, Custom Hooks für die Business-Logik, klare Trennung zwischen UI und Services. Die Architektur ist wartbar und erweiterbar, ohne die Struktur zu destabilisieren.

Luni ist keine App, die mit Features beeindrucken will. Sie ist klein. Sie ist fokussiert. Sie will nichts erklären, nichts optimieren, nichts analysieren. Sie will einfach nur funktionieren.

Fazit

Diese Reduktion war die schwierigste Designentscheidung. Als Entwickler ist man darauf trainiert, Probleme mithilfe von Code zu lösen. Features hinzuzufügen. Möglichkeiten zu schaffen. Doch bei Luni war die Frage nie: Was könnte die App noch können? Sondern: Was kann ich weglassen, ohne die Kernfunktion zu gefährden?

Keine Vorhersagen. Keine Zyklusstatistiken. Keine Stimmungs-Tracker. Keine Erinnerungen. Jedes dieser Features wäre technisch umsetzbar gewesen. Jedes hätte die App komplexer gemacht. Und jedes hätte vom eigentlichen Ziel abgelenkt: einer App für Menschen, die nicht lesen können.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis aus diesem Projekt. Reduktion ist keine Einschränkung. Sie ist eine Haltung. Sie ist die bewusste Entscheidung, dem Nutzer Respekt zu erweisen, indem man ihm nicht mehr zumutet, als nötig ist.

Und manchmal beginnt gute Software genau dort, wo man aufhört, mehr zu wollen.

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